Bankenmarkt Österreich: Ehrgeizige Auslandspläne heben Stimmung über deutsches Niveau

23. September 2008


Die österreichischen Banken blicken optimistischer in die Zukunft als ihre deutschen Wettbewerber. Insgesamt erwartet die Hälfte der Top-Entscheider österreichischer Banken, dass sich die Branche besser entwickelt als die Gesamtwirtschaft. Vor allem die Expansionspläne in Osteuropa tragen zur guten Stimmung bei. So halten die österreichischen Entscheider den Trend „Expansion inländischer Banken ins Ausland“ für wesentlich stärker als die deutschen Kollegen. Als größte Herausforderung für die österreichischen Banken wird die Finanzkrise betrachtet. Danach folgen der Wettbewerb und das Wachstum in Osteuropa. Dies ergab die Studie „Branchenkompass 2008 Kreditinstitute“ von Steria Mummert Consulting in Zusammenarbeit mit dem F.A.Z.-Institut.

Die österreichischen Kreditinstitute reagieren auf die derzeitigen Branchenherausforderungen vor allem mit der Neustrukturierung ihres Geschäfts. Ähnlich wie in Deutschland setzen die Institute zudem auf eine Steigerung der Kosteneffizienz sowie auf Produkt- und Qualitätsverbesserungen. Unterschiede ergeben sich, abgesehen von der offensiveren Auslandsstrategie, auch bei Investitionen in Kooperationen. So ist die Bereitschaft, Unternehmen oder Unternehmensanteile zu kaufen, relativ höher ausgeprägt als bei deutschen Banken.

Dass mittelständische Unternehmen zur Finanzierung verstärkt alternative Finanzierungsformen in Anspruch nehmen werden, gilt vielen österreichischen Bankmanagern als sehr wahrscheinlich. Bei den Unternehmensstrategien setzen die österreichischen Banker ähnliche Schwerpunkte wie die deutschen, allerdings messen sie innovativen Preisstrategien, Human Capital Management und Wachstum durch Innovationen weniger Bedeutung bei. Neukundengewinnung ist für sie jedoch – im Gegensatz zu deutschen Instituten – wichtiger als das Wachstum mit Bestandskunden.

Die Beratung von Privatkunden gilt in beiden Ländern als Dienstleistung mit dem mittelfristig stärksten Bedeutungszuwachs. Unterschiede gibt es jedoch in der Bewertung des Kreditgeschäfts mit Privatkunden sowie des Internet- beziehungsweise Multichannelbankings. Diese beiden Trends stehen in Österreich an zweiter und dritter Stelle, in Deutschland aber nur an fünfter und sechster. In der Immobilienfinanzierung kommt es aufgrund unterschiedlicher Marktvoraussetzungen ebenfalls zu Differenzen. So verspricht man sich in Österreich „hohe“ bis „sehr hohe“ Wertschöpfungsbeiträge von diesem Marktsektor. In Deutschland beruhen die Margenhoffnungen eher auf der Altersvorsorge und dem Wertpapiergeschäft.

In den Investitionsetats österreichischer Banken bis 2011 steht der Vertrieb an erster Stelle: Durchschnittlich 28 Prozent der Mittel sind dafür eingeplant. Diese sollen vor allem den Kundenservicecentern, der Verlagerung von Vertriebsprozessen ins Internet und der Erweiterung des Filialnetzes zugutekommen. Die Banken setzen damit auf die Erweiterung des Multichannelbankings mit spezifischen Kanälen für jeden Bedarf. Demgegenüber spielt die Standardisierung von Vertriebsprozessen – eigentlich eine wichtige Voraussetzung für die Elektronisierung – eine eher untergeordnete Rolle. Eine überragende Bedeutung wird hingegen der Kundenbindung und -wertentwicklung beigemessen – Fast alle Befragten halten sie für „sehr wichtig“. In den kommenden drei Jahren planen die Institute vor allem Investitionen in Maßnahmen zur Kundenrückgewinnung, in segmentspezifische Betreuungskonzepte und in Kundenzufriedenheitsbefragungen.

Auch die Industrialisierung steht in Österreich hoch im Kurs. 86 Prozent der interviewten Topentscheider halten sie für „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Das höchste Industrialisierungspotential sehen sie im Zahlungsverkehr sowie im Kreditgeschäft mit Unternehmen und Konsumenten. Als wichtigste Industrialisierungsmaßnahmen planen die österreichischen Banken in den kommenden drei Jahren die Einführung der elektronischen Kreditakte, die automatische Kreditabwicklung und die Abwicklung durch Transaktionsbanken. Serviceorientierte Architekturen stehen in Österreich weit weniger im Vordergrund (ein Drittel der Befragten werden investieren) als in Deutschland. Auch modulare Produkte haben sich bislang nicht durchsetzen können (zwei Investoren).

Hintergrundinformationen
Für den „Branchenkompass 2008 Kreditinstitute“ hat das F.A.Z.-Institut im April und Mai 2008 insgesamt 14 Topentscheider der größten Institute aus den unterschiedlichen Gruppen österreichischer Kreditinstitute zu den Branchentrends, Strategien und Investitionszielen bis 2011 befragt. Neun der Befragten sind Vorstandsmitglieder, die übrigen fünf haben andere Führungsfunktionen. Wie bei den befragten deutschen Banken liegt der Schwerpunkt auf dem Privatkundengeschäft. In Deutschland befragte forsa im Auftrag von Steria Mummert Consulting 100 Führungskräfte aus 100 der größten deutschen Kreditinstitute.